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Die bayrische Teresa von Avila

Teresa von Avila hat ihre Vision der Heiligen Dreifaltigkeit

"Gott hat mir unbeschreibliche Liebe zum Nächsten gegeben, so dass eine Mutter keine größere Liebe zu ihren Kindern haben könnte". (Günther S. 188)

 

Der letzte irdische Lebenshauch der Karmelitin Maria Anna Josepha a Jesu war ihr von Herzen kommendes Amen zur Nächstenliebe:

 

'Nach vollendeter Empfehlung ihrer Seele griff sie selbst nach der Sterbekerze und empfahl dem Kloster die Liebe und das Mitleiden gegen die Armen, worauf sie in höchster Ruhe im Herrn entschlafen ist am Freitag den 6. Dezember, in der Nacht zwischen zehn und halb elf Uhr, anno Domini 1726' (Nock S. 502)

 

Dieses 'Testament' der Lindmayrin bestätigt die Prophetie, die sich mit ihrem Geburtstag, dem 24. September 1657, als Fest vom 'Loskauf der Gefangenen' angekündigt hatte, nämlich ihr ganzes Leben als einen echten 69-jährigen Kreuzweg der Liebe: der Gottesliebe und der Nächstenliebe: beide haben sich ergreifend vereint in ihrer Person. Der Karmel als Berg im Heiligen Land und als christlicher Orden hat in der Münchener Lindmayrin eine Frucht gebracht, die Jesus Christus uns auch heute noch als Orientierungshilfe für den Alltag bietet, damit er 'alle Tage bei uns sein' kann, egal zu welcher Zeit und an welchem Ort wir leben.

An der Lindmayrin erkennen wir sehr klar, welche Spannung in einem Menschenleben zustande kommt, wo Gottesliebe und Nächstenliebe gegenseitig sich so bedingen. Schon als Jugendliche wollte sie ins Kloster, um 'ganz Gott zu dienen'. Aber verschiedene Anläufe schlugen fehl: obwohl sie die drei Gelübde Gehorsam, Keuschheit und Armut privat gemacht hatte, mußte sie vom 15. bis zum 45. Lebensjahr 'in der Welt' leben, dem so ersehnten Karmel zwar in dessen Säkularzweig zugeordnet, letztlich aber doch dem täglichen Andrang der allerlei Zuwendungen suchenden Nachbarn und der Heimsuchung durch Arme Seelen alleine ausgeliefert. Besondere Beachtung verdient, dass die Lindmayrin in einer Zeit, die der sozialen Betätigung einer Frau sehr enge Grenzen zog, dem Missbrauch politischer Macht und der Ungerechtigkeit in der Verwaltung öffentlich die Gebote Jesu Christi entgegenhielt und persönlich den Fürstbischof von Freising und die Herrscherhäuser der Wittelsbacher und Habsburger 'im Namen Jesu Christi und im Namen der Heiligsten Dreifaltigkeit' beriet und auch freimütig mahnte.

Dabei ist zu bedenken, dass es im München der Zeit nach 1700 nicht nur um diplomatische Debatten ging. Die 'Spanische Erbfolge' war anzutreten, die damals echt 'globale Ausmaße' hatte durch die Kolonien in Amerika und Asien. Die bayrischen Wittelsbacher waren erbrechtlich eindeutiger Favorit für das Ganze. Die Herrscherhäuser von Österreich, Frankreich, Niederlande, Großbritannien, Spanien und Preußen und dazu noch Schweden, Russland, Türkei und noch weiter waren besonders seit der Reformation religiös tief gespalten, sowohl untereinander als sogar innerhalb ihrer Territorien. Dennoch waren sie um 1700 genug eins, um den isolierten Münchenern diesen 'Bissen' eines Weltreiches zu entreißen. In wechselnden militärischen Allianzen zerteilten sie das 'Erbstück Spanien‘. Zehntausende von Toten blieben dabei auf den Schlachtfeldern, die meist auf bayrischem Boden waren und so den Münchenern anstatt eines Weltreiches nur zahllose Verwundete und eine verwüstete, ausgeplünderte und von Hunger und Krankheit geplagte Heimat bescherten. In diesem Chaos wuchsen Enttäuschung und Hass der Menschen gegeneinander auf der Suche nach den Verantwortlichen für das ganze Elend. In diesem Umfeld verstehen wir unsere Lindmayrin in ihrem Bemühen um ein Leben aus Liebe, zu Gott und zum Nächsten - auch hinter dem Gitter in der Klausur - wo immer wir erfahren wie Jesus Christus sagt: 'Ich bin bei euch alle Tage'.

Vor diesem Hintergrund schaut der Lindmayr-Freundeskreis bewusst auf P. Bonifatius Günther OCD, der am Beispiel der Hl. Teresa von Avila aufzeigt, wie sich Gottesliebe und Nächstenliebe gegenseitig ergänzen und verstärken, anstatt sich zu verdrängen. Er zitiert Teresas weitbekannte Aussage, die so 'selbstgenügsam klingt': 'Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken, alles vergeht, Gott bleibt derselbe, Geduld erreicht alles. Wer Gott hat, der hat alles, Gott allein genügt'. Unmittelbar daran fügt er aber Teresas praktische Hinweise auf die Nächstenliebe, die uns freilich nicht so poetisch berühren, aber die Wirklichkeit der Gottesliebe erst bestätigen. Wie P. Bonifatius Günther betonen auch andere geistliche Autoritäten diesen Hinweis der Großen Teresa, den sie selbst etwa hundert Jahre vor unserer Lindmayrin so formuliert hatte: "Hier aber verlangt der Herr nur zwei Dinge von uns: Liebe zu seiner Majestät und zum Nächsten. Das sicherste Merkmal dafür, dass wir diese zwei Gebote halten, ist meines Erachtens die treue Wahrung der Liebe zum Nächsten. Denn ob wir Gott lieben, kann man nicht wissen (obwohl es deutliche Anzeichen gibt, die es erkennen lassen), aber ob wir unseren Nächsten lieben, das merkt man. Und ihr dürft mir glauben: Je mehr ihr hierin Fortschritte macht, um so tiefer ist eure Liebe zu Gott; denn seine Majestät liebt uns so sehr, dass er als Lohn für die Liebe, die wir dem Nächsten entgegenbringen, unsere Liebe zu seiner Majestät tausendfältig wachsen lässt".

Über diesen wichtigen Grundzug der ausgewogenen Frömmigkeit im Karmel finden wir mehr bei:

 

P. Bonifatius Günther OCD

in "Weg und Gotteserfahrung der Kirchenlehrerin Theresia von Avila" Pattloch 1971, auf S. 114 ff.

P. Ulrich Dobhan OCD

in 'Gott - Mensch - Welt' Europäische Hochschulschriften, P. Lang Verl. 1978; unter vielem anderem auf Seite 169 ein praktischer Denkspruch, wenn uns die Spannung 'Gottesliebe - Nächstenliebe' lästig werden will: "Für Teresa gab es nun das Problem 'actio' ODER 'contemplatio' nicht mehr; bei ihr waren beide eins geworden; Martha und Maria müssen beisammen sein, um den Herrn beherbergen zu können und ihn immer bei sich zu behalten."
Zu beachten: die noch weitergehenden Bearbeitungen am Nachlass der Hl. Theresia.

Teresa von Avila OCD

 

in 'Die innere Burg' Fritz Vogelsang, Diogenes Verlag. 1979, S. 101